Religion kann Frieden stiften
29. August 2013„Frei und solidarisch – Christen in Verantwortung für Europa“, unter diesem Motto hatte das katholische Osteuropahilfswerks Renovabis Kirchenvertreter und Experten von Nichtregierungsorganisationen (NGO) versammelt. Zwar war und ist Religion auf dem Balkan häufig ein Auslöser für Konflikte. Doch kann Religion ebenso Dialog und Aussöhnung fördern, wie verschiedene interreligiöse Projekte in Bosnien-Herzegowina zeigen.
„Wir nutzen die Religion quasi als Einstiegspunkt, um tiefer in die Gesellschaft hineinzuwirken“, berichtet Enda John Byrne. Der Ire ist Programm-Koordinator von "Delta for the Balkans", einer NGO, die sich seit rund zehn Jahren in der Friedensarbeit in Bosnien-Herzegowina engagiert. Religion spiele sogar eine wesentliche Rolle, denn die die meisten Bosnier verknüpften ihre Glaubenszugehörigkeit eng mit der jeweiligen ethnischen Herkunft. Knapp die Hälfte der rund viereinhalb Millionen Bosnier bezeichne sich als Bosniaken, die in der Regel muslimischen Glaubens sind. Ein gutes Drittel betrachtet sich als Serben – sie sind Angehörige der serbisch-orthodoxen Kirche -, während die rund 14 Prozent kroatisch-stämmiger Bosnier überwiegend Katholiken sind. Minderheiten bilden Juden und Roma.
Vorurteile abbauen durch interreligiöse Sozialprojekte
„Die Bürgerkriege der Neunziger Jahre wirken bis heute nach“, sagt Enda John Byrne. Viele Fragen seien seitdem offen geblieben. Es herrsche immer noch große Verbitterung. Sowohl die gesellschaftliche als auch die politische Lage seien instabil. „Die verschiedenen Glaubens-Institutionen bieten deshalb eine der wenigen Anknüpfungspunkte, um die Menschen verschiedener Glaubensrichtungen und damit auch der unterschiedlichen ethnischen Gruppen miteinander ins Gespräch zu bringen“, so Byrne. Zusammen mit seinem portugiesischen Mitarbeiter Jeremias Carvalho leitet Byrne Workshops, in denen Imame, orthodoxe und katholische Priester sowie Frauen und Jugendliche verschiedener Religionen gemeinsam Sozialprojekte für ihre Städte und Dörfer planen und organisieren. „Interreligiöse Frauengruppen in verschiedenen Städten und Dörfern haben etwa vor den letzten Wahlen politische Informationsveranstaltungen organisiert", erzählt Jeremias Carvalho, "serbisch-orthodoxe und katholische Jugendliche haben muslimischen Jungen und Mädchen geholfen, ihre Moschee zu putzen.“ Das habe es ermöglicht, sich gegenseitig kennenzulernen, Vorurteile abzubauen und gemeinsame Werte zu entdecken. „Ausgehend von ihrem Bekenntnis zu religiösen Werten, möchten wir vor allem die Jugendlichen dazu bewegen, in diesem Bekenntnis zu bestimmten Traditionen mehr zu sehen - nämlich eine Motivation dafür, gemeinsam soziale und politische Probleme zu lösen.“
Europa wäre eine Perspektive
Jugendliche in Bosnien-Herzegowina stehen nach Carvalhos Beobachtung oft im Visier radikaler und populistischer politischer Gruppen, die alte Ressentiments zwischen den Religionen schürten und von der Zerrissenheit profitierten: „Es stimmt nicht, dass die Jugend von den Vorurteilen ihrer Elterngeneration befreit ist“, so Carvalho. Das werde dadurch verschärft, dass viele über ihr eigenes religiöses Milieu hinaus kaum Kontakte zu andersgläubigen Jugendlichen haben. Deshalb seien solche Dialogprojekte so wichtig. Enda John Byrne und Jeremias Carvalho sehen aber auch die Europäische Gemeinschaft in der Pflicht, den Menschen in Bosnien eine Perspektive zu geben. „Die EU könnte die Basis für eine gemeinsame Identität der drei Ethnien und Religionen sein. Für Bosnien wäre es ein Ausweg aus diesem Ghetto historischer Ressentiments, indem das Land sich als Teil einer größeren europäischen Familie erfahren könnte“, so Carvalho.
Wie die meisten anderen der rund 350 Teilnehmer des Renovabis-Kongresses kamen die beiden Projektleiter von „Delta for the Balkans“ nach Freising, um ihre Arbeit vorzustellen und Impulse für zukünftige Projekte zu gewinnen. Ihre Arbeit wird maßgeblich durch Renovabis, die Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken für die Menschen in Mittel- und Osteuropa, finanziert.
Historische Umbrüche im Visier
Der 17. Internationale Renovabis-Kongress befasst sich in diesem Jahr schwerpunktmäßig mit den politischen Umbrüchen seit 1989/1990. Als Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE) eröffnete der Münchner Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, den Kongress mit einem Vortrag über Freiheit und Solidarität in Europa.